Die Zukunft der Demokratie entscheidet sich vor Ort, in meinem Dorf, in meiner Gemeinde, meiner Stadt.
Franz Meurer, katholischer Pastor in Köln Höhenberg/Vingst, ist wegen seiner kreativen sozialen Arbeit weit über Köln hinaus bekannt. Unter anderem ist er der Initiator der Kinderstadt HöVi-Land. Viele kennen ihn auch durch seine „Kurzen Texte zur Besinnung“ in WDR 2 und 4. Mit der REGIONALE 2025 hat Meurer über die Bedeutung des Ehrenamts für die Gesellschaft, Vertrauen in herausfordernden Zeiten und Gemeinschaft als Faktor zum Glücklichsein gesprochen.
Das Motto der REGIONALE 2025 jetzt zum Höhepunkt ist „Das Gute Leben selbst gemacht!“. Können Sie damit etwas anfangen?
Ich zitiere dazu direkt das letzte Kölner Karnevalsmotto: „Alaaf – Mer dun et för Kölle“. Das ist genau das Thema. Hier kommen nicht die individuellen Vorsätze in den Blick, sondern die gemeinschaftlichen. Es gibt ein Buch von Jan und Aleida Assmann „Der Gemeinsinn“. Das hat zwar nicht den Karneval als Thema, aber was ihn ausmacht, und deshalb lautet der Untertitel „Der sechste soziale Sinn“. Denn jeder Mensch hat diesen Sinn, also die Fähigkeit, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.
Das heißt aber, das Gute Leben macht man nicht allein, sondern gemeinsam, in Gemeinschaft?
Ja, und das hängt mit dem Glück zusammen. „Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt“, sagte Albert Schweitzer, der Arzt und Philosoph. Und was ist das Glück? Im Englischen gibt es drei Wörter für Glück: luck, pleasure und happiness. Das erste ist das Zufallsglück, also ein Lottogewinn, das zweite das Vergnügen und das dritte die Lebenskunst. Und die gelingt vor allem in Gemeinsamkeit, in Gemeinschaft oder wie das alte Sprichwort weiß: „Geteilte Freude ist doppelte Freude“.
Da kommt jetzt zweimal die Verdoppelung vor, bei der Freude und beim Glück.
Genau, und das ist das Gegenteil von dem, was wir gerade weltweit und in den USA erleben, jedenfalls von der Regierung. Der Tesla-Chef Elon Musk bringt es ja eiskalt auf den Punkt: „Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie.“ Es gilt also nicht nur „America first“, sondern ebenso „me first“. Wir kennen das auch aus der Werbung vor einiger Zeit: „Geiz ist geil“ oder auch „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot.“ Und was folgt aus dieser Logik des Ego-Zentrismus? Wer zuerst an sich denkt, muss für keinen Universalismus eintreten, also für keine Menschenrechte und Menschenwürde, für keine Gerechtigkeit.
Und jetzt mal runtergebrochen auf den Alltag, also für uns im Bergischen RheinLand?
Die Zukunft der Demokratie entscheidet sich vor Ort, in meinem Dorf, in meiner Gemeinde, meiner Stadt. Und Demokratie lernt man genau hier, vor Ort. Also im Jugendverband, im Schülerparlament,
vielleicht bei den Jungschützen oder meinetwegen auch den Messdienern, vor allem in sozialen Bewegungen oder später auch als Parteimitglied. Also dort, wo jede Stimme zählt. Wo man merkt: Mein Engagement bewirkt etwas. Vielleicht gehöre ich mit meiner Stimme nicht zur Mehrheit, aber es geht fair zu. Und Wahlen sind wichtig. Von den Menschen, die sich zur Wahl stellen, habe ich die größte Hochachtung. Denn die allermeisten tun das ja ehrenamtlich, gerade hier auf dem Lande.
Damit Vertrauen wächst, braucht es Orte der Begegnung, also „Dritte Orte“, wie man es heute nennt, oder bei der REGIONALE eben „Knotenpunkte“.
Das ist ein Stichwort, das heute und hier eine wichtige Rolle spielt: das Ehrenamt und die Menschen, die sich hier engagieren.
Bei einer Untersuchung neulich befürchteten 89 Prozent der Befragten in Deutschland eine Spaltung unserer Gesellschaft, aber 77 Prozent wünschten sich zugleich mehr Gemeinschaftserlebnisse vor Ort. Wenn man dann noch bedenkt, dass sich immer mehr Menschen einsam fühlen, wird klar, wie bedeutsam das ehrenamtliche Engagement der Menschen ist. Und zwar nicht nur für die, denen geholfen wird, sondern auch für die, die helfen. Das Ehrenamt stiftet Sinn, stärkt das Gefühl, etwas bewirken zu können und fördert soziale Verbundenheit. Ich darf als katholischer Pastor dazu mal Mutter Teresa zitieren: „Die schlimmsten Krankheiten unserer Zeit sind nicht Aids, Lepra oder Krebs, sondern das Gefühl, unerwünscht zu sein, ungeliebt, verachtet.“
Eine Ihrer Thesen finden wir bemerkenswert, nämlich dass erst das Ehrenamt den Karneval möglich macht. Klar als Kölner.
Der Arbeiter-Samariter-Bund hat vor einiger Zeit mal untersuchen lassen, worauf es beim Ehrenamt ankommt, und dabei sind sechs Kernmotive herausgekommen. Erstens: Für manche ist die Erwerbsarbeit der Brotberuf, aber im Ehrenamt finden sie Erfüllung. Zweitens vermeidet ein gutes Ehrenamt Leistungsdruck und ist selbstbestimmt. Das dritte ist das Soziale, quasi das Motto: Gemeinsam statt einsam. Das vierte ist der Respekt, den einer oder eine erfährt. Und das fünfte, für junge Menschen ist die Erfahrung und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Und sechstens: Das Ehrenamt macht Spaß, die Zwänge lösen sich auf – und genau das ist Karneval.
Ein Motto des Weltwirtschaftsgipfels in Davos lautete „Vertrauen wiedergewinnen“. Dies haben Sie in einer Ihrer Predigten aufgenommen. Warum?
Das hat mich gewundert, weil man doch denkt, beim Vertrauen geht es um das Zwischenmenschliche. Und genau das ist es. Unsere kapitalistische Wirtschaft funktioniert nur, wenn wir Menschen einander vertrauen können. Unser ganzer Alltag ist von Vertrauen geprägt. Der Soziologe Niklas Luhmann hat mal gesagt: „Ohne Vertrauen würde ich morgens gar nicht aufstehen.“ Also Vertrauen
darauf, dass das Licht angeht, die Toilettenspülung funktioniert, die Nachrichten im Radio stimmen, der Bus zur Arbeit kommt und so weiter. Die Sozialforschung weiß ja, damit Vertrauen wächst, braucht es Orte der Begegnung, also „Dritte Orte“, wie man es heute nennt, oder bei der REGIONALE eben „Knotenpunkte“. Und damit macht man Zukunft. Oder um auch mit dem neuen Kölner Karnevalsmotto abzuschließen: „Zukunft is, wat du drus mähs.“