Zwar steht die Kirche im Dorf, wie man es kennt. Doch rundherum ein Picknickplatz mit Spielplatz und Schutzhütte, Kaffeebüdchen und frischem Wasser, auch ein Bücherschrank, die Ladestation für E-Bikes, dazu passend eine Reparatursäule mit Luftpumpe und Werkzeug, Schlüsseln und Zangen, was man eben unterwegs so braucht. Die Kirche in Egen ist nämlich eine Station am Kirchdorfradweg
im Bergischen.
Initiator für dieses Projekt ist Klaus-Peter Jung. Der war Lehrer und hatte vor 30 Jahren gegenüber der Kirche einen alten Hof mit Stall und Scheune und den Räumen einer früheren Dorfkneipe erworben. „Egen 4“ ist die Adresse, und unter diesem Label schuf er im Laufe der Jahre ein kleines „Kulturzentrum“. Der frühere Stall ist Veranstaltungsraum für rund 70 Besucher*innen, rundherum mit tausenden Büchern an den Wänden. Dazu Schallplatten, Bilder, kleine Skulpturen und Objekte. Mit den Büchern begann es, als er miterleben musste, wie eine Schulbibliothek in einem Container „entsorgt“ werden sollte. Und so finden jetzt inmitten der Schul- oder Reisebücher, Romane und Krimis, Lexika oder Kochbücher Konzerte und Kabarett statt, Gesprächsrunden oder Lesungen.
Bei einer Radtour rund um die Republik merkte der Pädagoge, was ihm unterwegs fehlte: ein frisches Getränk und ein Raum der Ruhe, bisweilen ein Buch oder nur einen Kaffee zum Aufmuntern. Und so baute er neben der Kirche genau das auf, was er anderen Ortes vermisste. Das war der Start, denn die Egener Kirche „Unbefleckte Empfängnis“ wurde mit einem kirchenamtlichen Segen im April 2018 eine erste Station der „Radwegekirchen“ im Bistum Köln. Für die Gestaltung, Pflege und den Bestand des Radfahreridylls sorgt die gesamte Dorfgemeinschaft. Andere gibt es in Köln oder Wuppertal und inzwischen in ganz Deutschland 400 solcher Widmungen, die auch als „geistige Tankstellen“ bezeichnet werden.
Das alles macht Jung nicht allein. Freunde, Nachbarn, Mitglieder des Bürgervereins und der Gemeinde im Kirchenkreis sind dabei, die seine ebenso praktische wie kreative Art schätzen. Sie machen mit, ganz gleich, ob Radfahrer*innen oder Bücherfreund*innen, ob die Fronleichnamsprozession oder das nächste Dorffest organisiert werden muss. Denn das ist Jungs Erfahrung im Dorf: „Als Spinner wird man toleriert.“
Fronleichnam auf dem Deckel
In Egen – ein Kirchdorf von Wipperfürth – wird rechtzeitig an Fronleichnam gedacht und schon ein Jahr vorher um Unterstützung geworben. Das Ganze mit dem Medium, mit dem die meisten unmittelbar zu tun haben: auf einem Bierdeckel im Ortsgasthof und gesponsert von der Erzquell-Brauerei in Wiehl. Treffender kommen Tradition und Gegenwart selten zusammen.